“Trockener Humor”
Mal wieder möchte ich auf einen interessanten Artikel in der Zeit verweisen, den ich zwar nicht für ganz korrekt geschrieben halte, aber ein interessantes Paradigma der Psycholgie darstellt. Eine Neuropsychologin der Universität Bochum fand heraus, dass Alkoholiker nur begrenzt fähig sind, Witze zu verstehen. Es mangelt ihnen an der Fähigkeit, das Verhalten anderer Menschen vorherzusagen, sich in das Gegenüber einzufühlen und Handlungen in Abhängigkeit von der Umwelt gezielt zu planen – alles Fähigkeiten, die im präfrontalen Kortex angesiedelt sind. Wissenschaftler vermuten, dass der Alkohol ebendiesen Bereich schädigt, was die entsprechenden Schwierigkeiten verursacht. Bildgebende Verfahren haben diese Hypothese unterstützt.
Die Neuropsychologin Dr. Jennifer Uekermann hat nun also eine Studie durchgeführt, in der eine Gruppe von Alkoholikern und einer Kontrollgruppe ein Witz präsentiert wurde und es vier mögliche Enden für die Pointe gab. Die Zeit schreibt nun, diese sollten nach Logik und empfundener Witzigkeit auf einer 5-Punkte-Skala eingeschätzt werden. Zur Beschreibung der Ergebnisse zitiere ich folgende Sätze aus der Zeit: “Dabei wählte die Gruppe der Alkoholiker seltener als die Gesunden die richtige Pointe aus. Sie bevorzugte die Slapstick-Variante oder das logische Ende.”
Das kann man so eigentlich aus dem beschriebenen Versuchsdesign nicht schließen. Also habe ich nach dem entsprechenden Artikel recherchiert und schnell einen Blick auf die Methodik und die Ergebnisse geworfen.
Die in der Zeit beschriebenen Ergebnisse stimmen zum Teil; es gab dafür aber eine andere Instruktion: die Versuchspersonen sollten aus den vier Enden die korrekte auswählen. Es zeigte sich, dass die Gruppe der Alkoholiker signifikant seltener die richtige Antwort wählten (67% der Alkoholiker vs. 90% der gesunden Probanden). Und: sie wählten im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant häufiger die logische Variante (24% vs. 5%) bzw. die Slapstick-Variante (7% vs. 3%) – was aber nicht bedeutet, dass sie diese Lösung “lieber” wählten.
Auch die beschriebene Instruktion war richtig, nur gibt es dazu andere Ergebnisse: Die Probanden sollten tatsächlich auch die Witzigkeit und Logik der Antworten bewerten – allerdings auf einer vier Punkte Skala. Die korrekte Pointe wurde von den Alkoholikern im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant geringer auf der Skala “empfundene Witzigkeit” eingestuft, allerdings signifkant höher auf der Skala “Logik”. Insgesamt stuften sie aber auch zwei andere Enden (Slapstick und das nicht-logische Ende) im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant geringer hinsichtlich der Witzigkeit ein.
Laut Zeit sagt die Psychologin, dass die Ergebnisse wichtige Implikationen für die Therapie haben, da diese Defizite zu Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen führen können und somit für die Rehabilitation der Alkoholkranken entscheidend sein könnten.
Die Zeit hatte sich in der Einleitung gefragt, ob man mit der Methode (also Witze erzählen und auf die Reaktion der Leute achten) vielleicht bei Alkoholsündern am Steuer direkt testen könnte, ob der- oder diejenige nur mal getrunken und sich hat erwischen lassen oder ob man eben erkennen könne, dass es sich um einen Alkoholiker handle, der in eine Suchtklinik überwiesen werden sollte. Am Ende wird zwar erwähnt, dass diese Frage mit der im Artikel beschriebenen Studie nicht geklärt werden kann, aber ich empfand sie doch als etwas “aufreißerisch” vom Autoren gewählt … Aber vielleicht sehe ich das als Psychologin etwas zu eng
Ich freue mich auf Eure Meinungen …
P.S.: Wen die Studie interessiert:
Uekermann et al. (2007). Theory of mind, humour processing and executive functioning in alcoholism. Addiction, 102(2), 232-240.